Aus dem Kriegsgebiet in deutsche Redaktionen – Syrische Journalisten berichten aus Leipzig

18. August 2015

Im umkämpften Aleppo schrieben sie über Anschläge und Zerstörung – heute recherchieren die Reporter Tarek Khello, Ebraheem Alisa Algasam und Mohamed al Khatib in Leipzig.

Als der Journalist Tarek Khello Ende 2013 vor dem Krieg in Syrien nach Deutschland floh, sprach er kein Wort Deutsch. “Die Sprache ist mein Werkzeug. Das hatte ich verloren,” fasst er seine damalige Situation zusammen.

Anderthalb Jahre später führt Khello Interviews für das Leipziger Lokalradio Mephisto 97.6. Seine Fragen stellt er auf Deutsch und hilft den Redaktionskollegen bei Recherchen zum Alltag von Flüchtlingen in Leipzig. Alle wissen, Sprache bedeutet Zugang – zu den Menschen, zu Informationen, zu Themen.

Khello bei einer Führung durch die Studios des Lokalradios Mephisto 97,6

Khello bei einer Führung durch die Studios des Lokalradios Mephisto 97,6

Für geflohene Journalisten sind fehlende Sprachkenntnisse oder bürokratische Hürden nicht die einzigen Hindernisse auf dem Weg in deutsche Redaktionen. “Die Medien funktionieren hier anders als bei uns”, stellt Khello fest. Informationsfreiheitsgesetz, Newsdesk und Netzwerke – er will mehr über die hiesige Medienlandschaft wissen.

Zusammen mit anderen arabischen Journalisten folgte er deshalb einer Initiative des EIJK: Im Sommersemester 2015 besuchten sie ein Seminar des Master Hörfunk Programms an der Universität Leipzig, das EIJK-Direktor Dr. Lutz Mükke zusammen mit der Rundfunkjournalistin Ulrike Werner (MDR u.a.) konzipierte.

Die syrischen Journalisten arbeiteten zusammen mit Journalistik-Studenten der Uni Leipzig und erfuhren so nicht nur die Grundlagen des bundesrepublikanischen Mediensystems, sondern recherchierten gemeinsam konkrete, journalistische Themen. Die Journalisten berichteten ihrerseits auch vom Berufsalltag im Kriegsgebiet, von den Gefahren, Verhaltensweisen und Einschränkungen für Reporter sowie ihrer besonderen Verantwortung für das Publikum.

Intensive Diskussionen zwischen deutschen Studierenden und arabischen Journalisten, ermöglicht durch ehrenamtliche Dolmetscher

Intensive Diskussionen zwischen deutschen Studierenden und arabischen Journalisten, ermöglicht durch ehrenamtliche Dolmetscher

Zusammen mit Studentinnen erstellte Khello einen Beitrag über die Unterbringung Asylsuchender für Mephisto 97.6; Ebraheem Alisa Algasam wurde zum wichtigen Interviewpartner. Eine Veröffentlichung des Berichts von Mohamed al Khatib in einer Leipziger Zeitschrift ist ebenfalls geplant.

Khello hat nun ein Ziel: Er will für hiesige Medien recherchieren. Trotz aller Schwierigkeiten will er seinen Beruf auch in Deutschland ausüben – schließlich, so sagt er, sei das Thema ‚Krieg in Syrien‘ auch hier angekommen und die Zugänge, die er zu Menschen und Themen habe, könnten helfen, die Qualität der Berichterstattung in Deutschland zu erhöhen.


Zum Nachhören |

>>> „Wo Menschenwürde endet”

Ein Beitrag von Carlotta Jacobi, Pauline Bombeck, Elisa Marie Rinne und Tarek Khello, Mephisto 97,6, 02.08.2015

Das Rechercheseminar

Das Seminar „Recherchewerkstatt“ (SoSe 2015) wurde am Institut für KMW der Universität Leipzig, am Lokalradio Mephisto 97,6 durchgeführt. Konzipiert und koordiniert vom Europäischen Institut für Journalismus- und Kommunikationsforschung ermöglichten auch Studierende der Arabistik der Universität Leipzig das Zustandekommen: Sie engagierten sich als ehrenamtliche Dolmetscher, die für die Fachkommunikation im Seminar dringend nötig waren. Als Gast nahm auch der libanesische Journalist Whalid Elzein an dem Recherchseminar teil.

Treffen Internationaler Journalisten am EIJK

Die arabischen Journalisten sind Mitglieder der “Treffen Internationaler Journalisten” im EIJK. Zu diesen Treffen sind insbesondere Journalisten aus aller Welt eingeladen, die als Flüchtlinge Zuflucht in Mitteldeutschland gefunden haben. Der Treffpunkt bietet den Teilnehmern die Möglichkeit zur Vernetzung, Integration und Diskussion. Vorträge und Gespräche über journalistisches Arbeiten, Ethik, Mediensysteme und Medienrecht werden angeboten. „Das Treffen dient auch der Vernetzung mit deutschen Journalisten. Interessenten sind herzlich willkommen!“, erklärt EIJk-Direktor Lutz Mükke. Der Eintrag in den Veranstaltungsverteiler kann via info@eijc.eu erfolgen.

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